florian schneider-esleben · rip

historiograph

Florian Schneider ist April 2020 verstorben. Er war Mitbegründer der Düsseldorfer Band Kraftwerk, die Band, die er 2009 verließ. Eines meiner ersten Alben war von dieser Band – Radioaktivität. Ein schwarzes Cover in Anlehung an ein altes Röhrenradio. Aber opulent ausgestattet. Es gab jede Menge Aufkleber dazu. Madam (Marie) Curie kam in einer Textzeile vor. Den Namen dieser Naturwissenschaftlerin habe ich bis zum heutigen Tag memoriert. Vor den Stones und vielen anderen mochte ich Kraftwerk. Mit meinen damals bescheidenen 12 Jahren stiess ich bei einigen Freunden auf Unverständnis.

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Aber es ist etwas dazwischen gekommen. Florian Schneider-Esleben ist tot. Jener Mann, der 1968 mit Ralf Hütter die Band Organisation gründete, aus der zwei Jahre später Kraftwerk entstanden. Kurzum: Eine der wichtigsten Personen, die die Musikgeschichte zu bieten hat, nicht nur hierzulande.

Und ganz ehrlich: Nachdem das laufende Jahr in Sachen Ableben von Musiker_innen ohnehin schon bewegt war, ist dies der erste Todesfall, der mich tatsächlich sprachlos macht. Nicht etwa aus Trauer, ich kannte den Mann ja nicht persönlich und ohnehin war Schneider-Esleben für mich immer höchstens zur Hälfte physische Existenz und zur anderen Phänomen. Nein, weil mir angesichts dieser Nachricht bewusst wird, was diese Düsseldorfer Band um Schneider-Esleben bedeutet. Und dass ich keine Worte dafür habe.

Als die Nachricht am Mittwoch langsam durch mein Glasfaserkabel gekrochen kam, dachte ich sofort daran, dass ein Nachruf hermüsse. Klar! Aber was schreiben? Dass die Musikwelt heute ohne die Arbeit von diesen Leuten nicht dieselbe wäre? Elektronische Musik, Techno, Afrika Bambaataa, sogar fuckingColdplay? Nein nein, bitte nicht. Das würde der Sache nicht gerecht, wäre es doch nur ein Wiederkäuen von Fakten, die längst ganze Bücherregale füllen.

Ich fand Kraftwerk zunächst: ganz gut. Fünf oder sechs muss ich gewesen sein, als ich das erste Mal „Autobahn“ hörte, mein Vater rezitierte es wenig originalgetreu auf der Fahrt in den Urlaub: „Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn.“ Ich mochte es, klang witzig. Mit 13 oder 14 kamen diese Erinnerungen wieder hoch, als ich das Stück zum ersten Mal bewusst und komplett hörte. Ich fand es okay. Weiterhin einprägsam und ein bisschen witzig, aber auch ganz schön langatmig mit seinen fast 23 Minuten. Ich hatte natürlich keinen Schimmer, dass das 1974 erschienen war und 1974 klang für mich ohnehin wie Led Zeppelin.

Richtig umgehauen hat mich ein paar Jahre später dann „Radioaktivität“. Ich hatte zwischenzeitlich gelernt, dass 1974 tatsächlich wie Led Zeppelin klang und konnte ganz grob einschätzen, wie unerhört es doch gewesen sein musste, was diese Typen da nur ein Jahr später ausgebrütet hatten. Mit einer Wagenladung Synthesizern und einigen wenigen für damalige Verhältnisse vertrauten Klängen, noch wichtiger aber: mit diesen komischen Prototypen von Maschinen, die klangen als hätte jemand Mathematik in Rhythmus übersetzt.

Die Jahre vergingen und mit ihnen meine musikalische Sozialisation. Ich hörte sämtliche Alben, es bildeten sich besondere Beziehungen zu besonderen Songs heraus („Ohm Sweet Ohm“, „Trans-Europa Express“ samt „Metall auf Metall“ und „Abzug“, „Computer Liebe“), ich verstand immer mehr, wie visionär das alles war, wie unwahrscheinlich und nachhaltig prägend. Aber woran ich heute denke, ist vor allem der Eindruck, den ich bei meiner Begegnung mit „Radioaktivität“ hatte.

In den Siebzigerjahren war Pop Gitarre. Und die Gitarre war eine Schwanzprothese. Auch später im Punk oder Post-Punk. Junge Männer versammelten sich und schossen mit Riffs und Soli gemeinsam zu Klang gewordene Ladungen Ejakulat auf ihr Publikum ab. Kraftwerk waren nichts davon. In ihrer Musik ging es nicht um menschliche Eitelkeiten und schon gar nicht um Schwänze. Um was genau? Mir fehlen die Worte.

Am besten fassen es vielleicht diese Aufnahmen aus dem Fernsehen von 1978zusammen. Leuchtschrift weist Ralf, Karl, Wolfgang und Florian aus, sie stehen in roten Hemden, schwarzen Krawatten, grauen Hosen, bleichen Gesichtern und geschminkten Lippen vor ihren Geräten und es passiert: nichts. Der Beat von „Die Roboter“ läuft ab, man hält die Männer für Puppen, bis Hütter verzerrt und unterkühlt zu singen beginnt. Die Kamera wechselt zu Schneider-Esleben, der ebenfalls singt und etwas in der Hand hält. Der erste Kommentar unter dem Video kommt von „Lacey Noel“, geschrieben vor vier Jahren: „Can we all take a moment and appreciate how badass this is?“ Besser hätte ich es nicht sagen können. Danke, Florian.

Foto: Daniele Dalledonne Trento, Italy
Florian Schneider (Kraftwerk), live in Ferrara (Italy), 06/07/2005